
Mohadese Mirzaee war die erste Frau in Afghanistan, die Linienpilotin wurde – und schrieb damit Geschichte. Doch ihr Leben ist auch geprägt von Flucht, Neuanfängen und einem unbeirrbaren Einsatz für Frauenrechte.
Von Arne Molfenter
Die Passagiere trauten ihren Augen nicht, als sie sich dem Flugzeug näherten, bereit zum Einsteigen für den Flug nach Kandahar. Ein Fenster des Cockpits stand offen. Als sie sahen, wer hinter den Steuerknüppeln saß, lachten einige. Andere fragten: „Wer ist diese Pilotin?“ „Warum sitzt da ein Mädchen im Cockpit?“ Ein Passagier stellte sich vor das Flugzeug und sagte: „Ich fliege nicht mit Ihnen! Tauschen Sie diese Pilotin aus und bringen Sie einen Mann!“
Mohadese Mirzaee, die Co-Pilotin im Cockpit, war seit ihrer Kindheit an Skepsis gewöhnt, während sie versuchte, ihren Traum vom Fliegen zu verwirklichen. Gegen alle Widerstände wurde sie Afghanistans erste Linienpilotin – und schrieb Geschichte.
Als Kind flog sie mit ihrer Familie in den Urlaub. Der Airbus A340 mit seinen vier Triebwerken war riesig – genauso wie die Begeisterung der jungen Mohadese. Der Wunsch, selbst ein Flugzeug zu steuern, entstand in einem Augenblick. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das schaffen sollte, doch ihre Mutter unterstützte sie. „Sie wusste, wie wichtig eine gute Ausbildung ist – und wie wichtig es ist, einen Traum zu verfolgen“, sagt Mohadese, heute 27 Jahre alt.
Zu ihrem 16. Geburtstag machte ihre Mutter ihr eine besondere Überraschung: Mohadese durfte ein Flugfeld in Afghanistan besuchen und sich dort alles genau ansehen. Sie kam mit einigen Piloten ins Gespräch – die von der Begeisterung der Besucherin wenig hielten. „Du bist zu klein“, sagten sie. Und: „Frauen haben nicht genug Kraft, um ein Flugzeug zu fliegen.“ Mohadese gab ihren Plan auf – aber nur vorübergehend.
Ihr letztes Schuljahr verbrachte sie im Rahmen eines Austauschprogramms in Kanada. Dort wurde ihr Interesse am Fliegen endgültig geweckt. Obwohl sie unter Höhenangst litt, wollte sie sich selbst testen. In Toronto machte sie ihren ersten Probeflug mit einem Fluglehrer. Nach dem Start durfte sie das zweisitzige Flugzeug zum ersten Mal selbst fliegen. In diesem Moment traf sie ihre Entscheidung: Sie wollte unbedingt Pilotin werden.
Ihre ersten Flugstunden nahm sie in Kanada – finanzieren konnte sie diese nur, indem sie Vollzeit arbeitete: bei McDonald’s, bei Walmart und als Barista. Sie blieb noch ein weiteres Jahr, musste dann aber nach Afghanistan zurückkehren, unter anderem weil ihre Aufenthaltserlaubnis auslief.
Was in Kanada begonnen hatte, endete in Afghanistan abrupt – denn dort gab es keine Flugschule. Mohadese kontaktierte verschiedene Airlines wie Kam Air und Ariana, versuchte in ein Trainee-Programm zu kommen oder ihre Ausbildung irgendwie fortzusetzen. „Ich bekam von vielen Abteilungen sehr interessante Antworten“, erinnert sie sich. „Warum willst du Pilotin werden?“ „Du bist eine Frau!“ „Geh nach Hause.“ „Heirate.“ „Bekomm Kinder.“ Sie gab nicht auf.
Sie fragte sieben Monate lang immer wieder nach. Schließlich lud Kam Air sie zu einem Gespräch ein – und sie überzeugte die Verantwortlichen. Die Airline schickte sie zur Ausbildung auf die Philippinen. Mohadese war auf dem Weg zur Berufspilotin. Doch nur etwa ein Viertel aller Flugschülerinnen und Flugschüler schließt die anspruchsvolle Ausbildung ab. Mohadese schaffte es. Im September 2020 wurde sie Afghanistans erste Linienpilotin und flog in die Türkei, nach Saudi-Arabien, nach Indien und in viele afghanische Provinzen.
„Ich wollte auch Pilotin werden, um Mädchen zu zeigen, dass sie ihre Träume verwirklichen können.“ (Mohadese Mirzaee)
Bei ihrem ersten Einsatz als Co-Pilotin einer Boeing 737 war sie sehr nervös. Neben ihr saß ein Kapitän, den sie nicht kannte. Ihre Hände zitterten ein wenig; sie wollte perfekt sein – keine Fehler machen. Kurz vor dem Start schaute sie den Kapitän an und bemerkte, dass auch seine Hände leicht zitterten. Mohadese erinnert sich: „Ich sagte zu ihm: ‚Schau, das ist mein erster Flug. Natürlich bin ich nervös. Aber warum zitterst Du?‘“ Der Pilot lächelte und sah sie an. Dann sagte er: „Das ist auch mein erster Flug mit einer Frau. Ich weiß einfach nicht, was ich von dir erwarten soll.“
Es war einer von vielen Momenten und Herausforderungen, die sie überwinden musste. Doch irgendwann wussten alle Piloten und Crews, dass sie sich auf Mohadese verlassen konnten. Am Ende ging es nicht mehr darum, ob sie ein Mann oder eine Frau war; sie war einfach eine Pilotin unter vielen.
„Ich hatte mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet.“
Dann kam der 21. Februar 2021. Es sollte für sie ein normaler Arbeitstag werden. Doch Kam-Air-Flug 104 – ein 90-minütiger Boeing-737-Flug von Kabul nach Herat im Westen des Landes und wieder zurück – sorgte in Afghanistan und später weltweit Schlagzeilen. Mohadese saß als Erste Offizierin im Cockpit, neben ihrer ukrainischen Kollegin Veronika Borisova als Kapitänin. Auch die übrigen vier Crewmitglieder waren Frauen. Es war der erste Flug in der Geschichte Afghanistans mit einer rein weiblichen Besatzung.
„Ich hatte mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet“, erinnert sich Mohadese. „Afghanische Frauen können fliegen, Frauen können fliegen – sie können ihre Träume wahr machen. Es war ein großer Moment, nicht nur für mich; es war groß für unser Land, für alle Frauen.“
Am 8. März 2021, dem Internationalen Frauentag, wurde ein Video des Fluges veröffentlicht. Es ging viral, und Mohadese erhielt unzählige Nachrichten von afghanischen Mädchen, die ihr nacheifern und selbst Pilotinnen werden wollten.
15. August 2021: Die Welt blickt gebannt auf Kabul
Einige Monate später veränderte sich die Lage im Land dramatisch. Am 15. August 2021 schaute die Welt mit angehaltenem Atem auf Kabul: Innerhalb weniger Stunden zerfiel, was über 20 Jahre aufgebaut worden war. Nach 2001 hatte es eine neue Verfassung und Wahlen gegeben. Frauen waren ins Parlament zurückgekehrt, Mädchen wieder in die Schulen, und die Zivilgesellschaft war aufgeblüht.
Doch am 15. August 2021 standen die Taliban erneut vor den Toren Kabuls, und plötzlich herrschte wieder Angst – nur wenige Wochen vor dem 20. Jahrestag des 11. September, dem Ereignis, das im Oktober 2001 zur US-Invasion in Afghanistan und zum Sturz der Taliban geführt hatte. Präsident Ashraf Ghani floh überstürzt aus dem Land.
Mohadese sollte an diesem Tag wie gewohnt nach Istanbul fliegen. Sie machte sich in Uniform auf den Weg zum Flughafen. Sie ahnte nicht, wie schnell sich alles entwickeln würde – doch als sie den Flughafen erreichte, wirkte einiges äußerst seltsam.
Sie meldete sich im Kam-Air-Büro zum Dienst, ging dann durch die Sicherheitskontrolle. Plötzlich rief die Airline sie erneut an und sagte, sie solle ins Büro zurückkommen. Dort bemerkte sie sofort, dass Chaos ausgebrochen war. Mitarbeitende rannten hektisch umher, sammelten hastig Dokumente zusammen und versuchten, Unterschriften zu bekommen. Noch immer wusste sie nicht, was los war, und man versuchte, sie zu beruhigen.
Sie ging zurück zur Sicherheitskontrolle – aber dort war niemand mehr. Ein Pilotenkollege sah sie an. „Ist das normal?“, fragte er. Beide bekamen Angst. Sie gingen weiter Richtung Rollfeld und zu ihrem Flugzeug. Plötzlich sahen sie Menschen über die Sicherheitszäune springen: Hunderte stürmten die Startbahn, rannten auf ihr Flugzeug zu, einige klammerten sich an die Tragflächen. Mohadese versuchte gar nicht mehr, an Bord zu gehen.
In einer einzigen Sekunde musste Mohadese über ihre Zukunft entscheiden
Dann erhielt sie einen letzten Anruf von der Airline. Die Taliban seien bereits in der Stadt und auf dem Weg zum Flughafen. „Versuch hier rauszukommen!“, sagten sie. „Flieg weg von hier!“ In diesem Moment fuhr zufällig ein Kollege vom Bodenpersonal in einem Minibus an ihr und ihrem Kollegen vorbei. „Steigt sofort ein!“, rief er. Er nahm so viele Menschen mit, wie er konnte – Kolleginnen und Kollegen, Fluglotsen, Freunde – und setzte sie vor einem Flugzeug ab, das ganz am Ende der Startbahn parkte.
In einer einzigen Sekunde musste Mohadese entscheiden, wie ihre Zukunft aussehen würde. Sollte sie in Kabul bleiben oder in das Flugzeug steigen? Sie hatte Angst vor den Taliban, auch weil über ihre Geschichte breit berichtet worden war. Gleichzeitig sorgte sie sich um ihre Familie – ihre Mutter und zwei Schwestern. Sie stieg ein.
Doch keine Spur eines Piloten. Es hieß, der Kapitän stecke noch im Büro fest. Alle saßen im Flugzeug und warteten, was passieren würde. Das Bodenpersonal drängte zur Eile. Es blieben nur fünf Minuten, um die Maschine startklar zu machen. „Wenn ihr jetzt nicht losfliegt, verschwinden wir wieder!“, drohte das Bodenpersonal.
Der Pilot erreichte das Flugzeug in letzter Minute. Dann die Überraschung: Es war Mohadeses Kollegin Veronika Borisova, von dem ersten Flug mit rein weiblicher Crew. Die Startvorbereitungen begannen überstürzt. Die Anspannung in der Kabine wuchs; niemand wusste, ob der Start überhaupt gelingen würde. Der Fluglotse im Tower antwortete nicht mehr.
Das Flugzeug rollte los und machte sich auf den Weg zur Startbahn. Inzwischen hatten die Taliban sie bereits erreicht. Die Angst in der Maschine wuchs, denn niemand wusste, ob sie auf das Flugzeug schießen würden.
Mohadese blickte noch einmal nach draußen. Ein Pilotkollege aus den Niederlanden, der neben ihr saß, zog das Sonnenvisier herunter, als die Maschine auf die Startbahn rollte. „Er umarmte mich und sagte nur: ‚Daran sollst du dich nicht erinnern.‘“ Dann gab ihre Kollegin Veronika im Cockpit Schub. Sekunden später waren sie über Kabul.
Das Flugzeug landete schließlich in Kiew, und die ukrainischen Behörden waren überrascht, dass ein Flugzeug aus Afghanistan in ihrem Land angekommen war. Die Welt hatte noch nicht vollständig realisiert, dass die Taliban Kabul eingenommen hatten. Mohadese und einige andere Passagiere durften nicht einreisen.
Also ging es noch am selben Tag weiter – von Kiew nach Sofia. Mohadese hatte ein Visum, weil sie ihr Simulator-Training in Bulgarien absolviert hatte. Dort angekommen wusste sie nicht, wo sie bleiben oder was sie als Nächstes tun sollte; sie fühlte sich verloren.
Außer ihrer Uniform hatte sie nichts. Freunde halfen ihr, organisierten eine Unterkunft und normale Kleidung. Noch immer hoffte sie, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Drei Monate vergingen, ihr Visum lief bald ab, doch die Airline sagte ihr nur: „Wir wollen dir helfen, aber wir können nicht. Du bist auf dich allein gestellt.“
„Afghanische Frauen sind für ihren Mut bekannt“
Sie recherchierte im Internet nach Möglichkeiten in ihrer Lage. Dann stieß sie auf das Büro des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) in Sofia. Sie kontaktierte das UN-Büro, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Flüchtling sein würde. Und ich hatte Angst davor, was passieren würde.“ Zwei Tage später erhielt Mohadese eine Rückmeldung vom UNHCR. Sie wurde ins Büro eingeladen und darüber informiert, wie sie in Bulgarien Asyl beantragen könne.
Doch es blieb eine Zeit voller Hürden – nicht nur wegen kultureller und sprachlicher Barrieren. Sie hatte alles verloren und fühlte sich zutiefst einsam. „Es hat lange gedauert, bis ich das nach und nach überwunden habe – gute sieben Monate. Aber ich nahm ein Sprichwort sehr ernst: Afghanische Frauen sind bekannt für ihren Mut, ihre Stärke und ihre Widerstandskraft. Ich sagte mir das vor dem Spiegel: ‚Du bist ein afghanisches Mädchen. Und Du bist stark. Du hast viel durchgemacht, Du hast sogar deine Träume verwirklicht und bist geflogen. Du willst dahin zurück.‘“
Ein Versprechen an sich selbst
Sie schrieb alles auf, was sie tun musste, um wieder fliegen zu können. „Ich gab mir selbst ein Versprechen: Ich werde am 15. August 2022 wieder fliegen. Genau ein Jahr später – an dem Tag, an dem ich alles verloren habe.“
Alles auf ein paar Seiten Papier zu schreiben ist das eine. Es zu schaffen, das andere. Sie brauchte eine Aufenthaltserlaubnis; ihre Pilotenlizenzen mussten neu ausgestellt werden, und sie musste neue Prüfungen ablegen. Die Liste wurde immer länger. Aber sie verfolgte ihren Weg unbeirrbar. „Ich wollte mir meine Träume zurückholen.“
Der Weg zurück in den Himmel blieb schwierig. Sie verschickte zahlreiche Bewerbungen, und auch ihr afghanischer Pass – der strengeren Einschränkungen unterliegt als jeder andere Pass der Welt – war ein Problem. Doch sie hielt ihr Versprechen an sich selbst. Und es war eine Punktlandung: Als der 15. August 2022 kam, saß sie endlich wieder im Cockpit – genau ein Jahr nach ihrer Flucht aus Afghanistan.
Sie war erleichtert: „Ich erinnerte mich an all die Schritte, an all die Kämpfe. Aber diesmal zitterte ich nicht im Cockpit; ich war entschlossen. Das größte Gefühl war jedoch, zu spüren, dass ich wieder frei war.“
Derzeit fliegt Mohadese für eine Frachtfluggesellschaft. Sie unterstützt weiter verschiedene UN-Organisationen wie den UNHCR sowie UN-Kampagnen, spricht an Universitäten und Schulen über Frauenrechte und die Stärkung von Frauen und trifft sich mit Geflüchteten. Außerdem nahm sie 2023 am Global Refugee Forum (GRF) in Genf teil, dem weltweit größten internationalen Treffen zur Unterstützung von Geflüchteten und aufnehmenden Gemeinschaften.
Mohadese hält trotz aller Hindernisse Kontakt zu Freunden in der Heimat. Auch ihre Mutter und ihre beiden Schwestern konnten Afghanistan verlassen. Und obwohl sich die Lage für Frauen seit der erneuten Machtübernahme der Taliban immer weiter verschlechtert, warnt sie davor, die Hoffnung aufzugeben: „Frauen müssen versuchen, zusammenzuhalten; versuchen, sich so gut wie möglich zu bilden. Die aktuelle Situation wird nicht ewig dauern. Es wird Veränderungen geben, und der Tag wird kommen, an dem Frauen wieder frei sein werden und wieder Teil der afghanischen Gesellschaft.“
